Montag, 6. Juli 2015

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Morgenröte oder …………!

Er hatte nicht unruhig geschlafen, aber wachte trotzdem früh auf. Die Sonne würde gleich aufgehen. Er nahm ein Stück Brot, Käse und Wurst und begab sich hinunter zum Fluss, der sich am Rande eines Tales dahinzog. An der südöstlichen Seite des Wassers erstreckte sich der ebene Teil. Langsam stieg die Sonne über die Bergkuppen und zeigte ihr blutiges Rot.
Wie vor 50 Jahren, als er sie kennenlernte. Er war damals verheiratet, auch ihre Haut hatte am Ringfinger einen weißen Streifen, aber das sollte er erst später bemerken. Wahrscheinlich war auch sie manchmal einfach unzufrieden. Unzufrieden nicht grundsätzlich, aber irgendetwas fehlte in ihrem Leben, wie ein bisschen Salz in der Suppe.
Langsam war sie gekommen, zuerst unsicher. „Was macht ein junger Mann hier allein?“ – fragte sie sich. „Er ist verheiratet, das sehe ich an seinem Ring, er hat keine Angelrute.“ Sie sahen einander an. Zuerst nur solange der andere nicht schaute. Er war ein bisschen schüchtern, brauchte Aufmunterung. Diese Zurückhaltung gefiel ihr, deshalb gab sie ihm die Ermutigung. „Nein, er würde nicht gewalttätig sein, aber ihm fehlt natürlich das Draufgängertum, was einen richtigen Mann ausmacht. Man/Frau kann nicht alles haben!“ Wenn genug Salz da ist, fehlt der Pfeffer!
Sie hatte nicht freiwillig geheiratet. Ihre Mutter hatte ihr immer eingetrichtert: „Lieber reich und unglücklich, als arm und unglücklich, weil das Glück sowieso einmal zu Ende gehe und dann nur noch der Alltag bleibe.“ Hatte sie aus Erfahrung gesprochen und wollte ihre Tochter vor dem Schlimmsten bewahren? Sie wusste, dass ihre Mutter nicht glücklich war, vielleicht weil sie nicht aus Liebe geheiratet hatte. Das Weltbild ihrer Mutter war zusammengebrochen. Wie konnte man dann noch ausgeglichen weiterleben? Vor allem war ihre Mutter prüde, nichts konnte man mit ihr besprechen.
Sie setzte sich neben ihn und streckte die Hand ein bisschen nach vorn. Er verstand das Zeichen und nahm die ihre in seine. Sie sprachen kein Wort, verließen sich ganz auf Körpersprache. Es tat gut, nichts erklären zu müssen.
Überwältigt vom eigenen Hormonausschuss blieben sie noch ein bisschen liegen, bevor sie ihre Kleidung zurechtmachten. Er gab ihr noch einen zärtlichen Kuss und sie ging weg. Lange sah er ihr nach. Würde sie wiederkommen?
Seit 50 Jahren hatte er gewartet, dass sie wieder erscheint. Davon hatte er sein ganzes Leben lang gelebt. Fast jeden Morgen war er hier gesessen.
Und jetzt kam sie endlich. Sie waren nicht mehr jung. Sowohl seine, als auch ihre Erwartungen waren einfach zu groß, um der Wirklichkeit standzuhalten. Beide waren enttäuscht, und gingen wortlos aneinander vorbei. Auch jetzt hätten sie nur die Körpersprache verstehen wollen.

Else
Else
Else
Else
Else

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